Der Buchstabe H führt uns zu einigen der mächtigsten Heilpflanzen der europäischen Geschichte und zu wahren Giganten der Biodiversität. Ob als vertikale Begrünung für ein besseres Mikroklima oder als erste Nahrungsquelle für Bienen im Vorfrühling – diese Pflanzen sind echte Arbeitstiere im nachhaltigen Garten.
Holunder (Sambucus nigra)
Der Schwarze Holunder ist im Naturgarten keine bloße Pflanze, er ist ein ganzes Ökosystem. In der deutschen Mythologie wohnte im Holunderstrauch der gute Hausgeist, weshalb er früher an jeder Scheune gepflanzt wurde. Aus ökologischer Sicht ist er unschlagbar: Er bietet Nahrung in zwei Phasen. Im Frühsommer locken die weißen Blütenschirme (aus denen man Sirup oder Pfannkuchen macht) unzählige kleine Insekten und Schwebfliegen an. Im Herbst sind die schwarzen Beeren (Fliederbeeren) eine unverzichtbare Futterquelle für Vögel, bevor der Winter kommt. Er ist extrem robust, wächst schnell und benötigt weder Dünger noch Pflege.
Huflattich (Tussilago farfara)
Der Huflattich ist ein Pionier. Er ist eines der allerersten Kräuter, das im Vorfrühling (oft schon im Februar/März) blüht – noch bevor seine Blätter erscheinen. Die leuchtend gelben Korbblüten sind für früh startende Wildbienen oft die einzige Rettung vor dem Verhungern. Sein lateinischer Name Tussilago („Hustenvertreiber“) verrät die alte Nutzung als schleimlösende Heilpflanze. Da die Wildform jedoch leberschädigende Stoffe (Pyrrolizidinalkaloide) enthalten kann, sollte man für den regelmäßigen Tee-Genuss auf züchtungsbedingte Sorten ohne diese Stoffe zurückgreifen oder die Pflanze primär als Bienenweide stehen lassen. Er besiedelt gerne offene, steinige Böden und Böschungen.
Hopfen (Humulus lupulus)
Meist kennt man Hopfen nur vom Bier, doch im klimabewussten Garten ist er ein genialer Kletterkünstler. Er wächst rasend schnell (bis zu 30 cm am Tag!) und eignet sich perfekt zur Fassadenbegrünung. Ein bewachsenes Haus bleibt im Sommer deutlich kühler, was Energie für Klimaanlagen spart. Er ist eine wichtige Futterpflanze für die Raupen des Tagpfauenauges und des C-Falters. Die weiblichen Blütenzapfen wirken beruhigend und schlaffördernd (Hopfentee). Ein kulinarischer Geheimtipp für Selbstversorger sind die jungen, weißen Wurzeltriebe im Frühjahr, die als „Hopfenspargel“ eine teure Delikatesse sind.
Hauswurz (Sempervivum)
Die Hauswurz ist die „deutsche Aloe Vera“ und ein Gewinner des Klimawandels. Die dickfleischigen Rosetten speichern Wasser und überleben auf Dächern, Mauerkronen oder in Steingärten monatelange Dürren ohne einen Tropfen Gießwasser. Früher pflanzte man sie auf Dächer, um (abergläubisch) vor Blitzschlag zu schützen – heute tun wir es, um Flächen zu entsiegeln und Insektenlebensraum zu schaffen („Dachbegrünung“). Der gelartige Saft der Blätter kühlt bei Insektenstichen oder leichtem Sonnenbrand genauso gut wie Aloe Vera, wächst aber direkt vor der Haustür und muss nicht importiert werden.
Herzgespann (Leonurus cardiaca)
Das Echte Herzgespann ist eine alte Bauerngartenpflanze, die heute fast vergessen ist, aber ein Comeback verdient. Sie gehört zu den Lippenblütlern und ist ein absoluter Magnet für kurzrüsselige Hummeln und Wildbienen, die den Nektar der kleinen, flauschigen Blüten lieben. Wie der Name sagt, wurde sie traditionell bei nervösen Herzbeschwerden eingesetzt („das Herz spannen“ im Sinne von stärken). Die staudige Pflanze wird über einen Meter hoch, ist anspruchslos und sät sich an passenden Standorten selbst aus, ohne lästig zu werden.
Hirtentäschel (Capsella bursa-pastoris)
In der konventionellen Landwirtschaft als Unkraut bekämpft, ist das Hirtentäschel ein faszinierendes Wildkraut. Seinen Namen hat es von den herzförmigen Samentaschen, die wie die Taschen früherer Hirten aussehen. Es ist eine sogenannte „carnivore“ (fleischfressende) Pflanze im Wurzelbereich: Die Samen bilden bei Feuchtigkeit einen klebrigen Schleim, der Kleinstlebewesen und Nematoden im Boden bindet und verdaut – ein natürlicher Bodenschutz. Medizinisch ist es eines der stärksten blutstillenden Kräuter der Naturheilkunde (z.B. bei Nasenbluten). Die jungen Blätter und die nussigen Samen schmecken hervorragend im Wildkräutersalat.
Heilziest / Echter Ziest (Betony officinalis)
„Verkaufe deinen Rock und kaufe Ziest“, lautete ein altes Sprichwort. Das zeigt, wie hoch diese Pflanze früher geschätzt wurde. Heute ist der Heilziest eine wertvolle Staude für den Naturgarten. Er bildet purpurrote Blütenkerzen, die besonders schön sind und Insekten anziehen. Anders als viele exotische Zierpflanzen ist er heimisch, winterhart und ungiftig. Er passt wunderbar in Staudenbeete oder an den Gehölzrand und ist eine pflegeleichte Alternative zu empfindlicheren Prachtstauden.
Hornklee (Lotus corniculatus)
Der Gewöhnliche Hornklee ist oft in Saatmischungen für Bienenweiden enthalten – und das zu Recht. Er ist eine wichtige Futterpflanze für die Raupen von über 60 Schmetterlingsarten, darunter der wunderschöne Hauhechel-Bläuling. Als Leguminose reichert er den Boden mit Stickstoff an und verbessert so die Erde für umliegende Pflanzen ganz ohne Kunstdünger. Mit seinen leuchtend gelben, manchmal rötlich überlaufenen Blüten („Eier und Speck“ nennt ihn der Volksmund) ist er ein hübscher, trittfester Bodendecker für sonnige Magerwiesen.