Der Buchstabe N führt uns in die Dämmerung und zu den verborgenen Schätzen des Bodens. Viele Pflanzen dieser Kategorie entfalten ihre Wirkung erst am Abend oder verbergen ihre kulinarischen Qualitäten unter der Erde. Sie sind essenziell für nachtaktive Insekten und bieten nachhaltige Alternativen zu importierten Gewürzen.
Nachtkerze (Oenothera biennis)
Die Gemeine Nachtkerze ist ein faszinierendes Schauspiel im Naturgarten. Wie der Name verrät, öffnen sich ihre leuchtend gelben Blüten erst in der Dämmerung – und das so schnell, dass man der Bewegung zusehen kann. Sie ist damit eine der wichtigsten Pflanzen für Nachtfalter, wie etwa den Taubenschwänzchen oder diversen Schwärmer-Arten. Kulinarisch ist sie ein vergessenes Wurzelgemüse. Früher nannte man sie „Schinkenwurz“, da sich ihre Pfahlwurzel beim Kochen rötlich färbt und sehr nahrhaft ist. Im ersten Jahr (vor der Blüte) geerntet, ist sie ein feines, regionales Wintergemüse. Das aus den Samen gewonnene Nachtkerzenöl ist zudem ein hochwertiges Heilmittel bei Hauterkrankungen wie Neurodermitis.
Natternkopf (Echium vulgare)
Der Gewöhnliche Natternkopf ist der „Popstar“ unter den Insektenpflanzen. Kaum eine andere heimische Pflanze produziert so viel Nektar und Zucker wie er. Wenn er blüht, ist er umschwärmt von Wildbienen, Hummeln und Faltern. Besonders die seltene Natternkopf-Mauerbiene ist spezialisiert auf ihn. Für den Gärtner im Klimawandel ist er ein Geschenk: Er besitzt eine extrem tiefe Pfahlwurzel und gedeiht prächtig auf heißen, trockenen Schotterflächen oder in Mauerritzen, wo andere Pflanzen vertrocknen. Er ist zweijährig und sät sich zuverlässig selbst aus.
Nelkenwurz (Geum urbanum)
Die Echte Nelkenwurz wächst oft unbeachtet an schattigen Waldrändern oder unter Hecken („Zaun-Nelkenwurz“). Im Mittelalter war sie jedoch Gold wert. Ihre Wurzeln enthalten das ätherische Öl Eugenol, das exakt wie Gewürznelken riecht und schmeckt. Wer nachhaltig kochen möchte, kann die getrocknete Wurzel als regionalen Ersatz für importierte Tropen-Nelken verwenden – etwa in Weihnachtsgebäck oder Glühwein. Die Pflanze ist zudem als „Benediktenkraut“ bekannt und wurde früher in der Klostermedizin wegen ihrer zusammenziehenden und entzündungshemmenden Wirkung genutzt.
Nieswurz (Helleborus)
Besser bekannt unter den Namen Christrose oder Schneerose. Die Nieswurz-Arten sind streng genommen keine Küchenkräuter (da sie in allen Teilen giftig sind!), aber sie sind unverzichtbare funktionale Pflanzen im ökologischen Garten. Sie blühen mitten im Winter oder im zeitigen Vorfrühling (Januar bis März), wenn die Natur noch schläft. Für früh erwachende Hummelköniginnen sind sie oft die einzige Nahrungsquelle, die das Überleben des ganzen Volkes sichert. Der Name „Nieswurz“ kommt von der früheren Nutzung des getrockneten Wurzelpulvers als Niespulver, um „böse Geister“ oder Krankheiten aus dem Körper zu befördern – eine Praxis, von der heute dringend abgeraten wird.
Nachtviole (Hesperis matronalis)
Die Gewöhnliche Nachtviole ist eine klassische Bauerngartenpflanze, die oft verwildert. Sie gehört zu den Kreuzblütlern und blüht in schönen violetten oder weißen Trauben. Ihr ökologischer Wert liegt im Duft: Tagsüber riecht sie kaum, doch abends verströmt sie einen intensiven, veilchenartigen Duft, um Nachtfalter zur Bestäubung anzulocken. Damit schließt sie die „Nahrungslücke“ in der Nacht. Junge Blätter und Blüten sind essbar und schmecken scharf-würzig, ähnlich wie Kresse oder Rucola, und bereichern Wildkräutersalate.
Narde (Nardostachys jatamansi)
Die echte Narde (Speikenarde) ist eine Pflanze aus dem Himalaya und eng mit dem Baldrian verwandt. In heimischen Gärten findet man eher das heimische Borstgras (Nardus stricta), das ökologisch wertvoll für Magerwiesen ist, aber kaum als Kraut genutzt wird. Die biblische Narde (aus der das kostbare Salböl gewonnen wurde) ist ein Beispiel für historische Pflanzenkunde. Interessant für den Steingarten ist der verwandte „Keltische Baldrian“ (Speik), der in den Alpen wächst und dessen Wurzeln intensiv aromatisch riechen. Er steht jedoch unter Naturschutz und sollte nur als Kultursorte gepflanzt werden.